Die Ukraine und Europa - ein bewegender Appell

"Von der Ukraine nichts mehr wissen zu wollen bedeutet,  von Europa nichts mehr wissen zu wollen!"

Das schreiben am 15. 09. 2016

bekannte Persönlichkeiten aus Politik und  Gesellschaft an die Europäische Gemeinschaft.  In ihrem Brief rufen sie eindringlich zur Soldarität Europas mit der Ukraine auf.

Wir haben den bewegenden Appell ins Deutsche übersetzt und schließen uns dem an.

Die Initiativ-Gruppe “Erster Dezember" wurde am zwanzigsten Jahrestag des Referendums über die Unabhängigkeit der Ukraine gegründet.In ihr sind führende Intellektuelle versammelt und ihr Ziel ist die Etablierung neuer Regeln im Land.

 

Der Aufruf

"Der Ukraine überdrüssig zu sein, bedeutet, Europas überdrüssig zu sein." Fast vor jedem großen historischen Wechsel in Europa gab es eine Periode des Überdrusses. Man war es müde, immer gewissenhaft zu sein. Diese Regel saß besonders im 20. Jahrhundert sehr tief. Dieses tragische Muster nimmt uns heute, da Ungewissheit und Unsicherheit wiederum in Europa vorherrschen, das Recht zu schweigen.

Die optimistischen Erwartungen für die Europäische Union sind umgeben von Wolken, die wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Ängste voraussagen. Hunderttausende Flüchtlinge kamen an, der Terrorismus hat den Frieden der bisher sichersten Orte unterhöhlt. Für Viele wurden kollektive Themen zu ärgerlichen Reizthemen. Die Erschöpfung durch den fortwährenden Strom von Bedrohungen konnte man vorhersehen. Doch nun wird diese Erschöpfung zur Gefahr: sie provoziert eine moralische Entfremdung, die uns erlaubt, mit der Wahrhaftigkeit Kompromisse zu machen.

Deswegen wurde Europa vom Populismus mit seinen äusserst einfachen Antworten auf komplexe Themen überwältigt. kamen Xenophobie und Chauvinismus als Verteidigungsmechanismus aufkamen. Deswegen wurde es einfacher, sich vor Problemen zu verstecken. zusätzliche Verantwortung zu vermeiden, sich nach innen zu wenden. Das führt zur Selbstisolation,

Russlands Krieg gege die Ukraine, die Besetzung der Krim, die bewaffnete Intervention im Donbas, zehntausende Opfer, 1.500.000 Binnenflüchtlinge gehören zu den Problemen , vor denen sich der europäische Spießer gerne hinter einem Vorhang von Müdigkeit verstecken möchte.

Tägliche russische Zersetzung, Provokation und Erpressung empören einen Teil des europäischen Gemeinwesens schon nicht mehr. Man hat sich an diesen Krieg gewöhnt.Routine stumpft die Empathie ab; Indifferenz setzt das Opfer und den Angreifer gleich.

Doch der Krieg Russlands gegen die Ukraine geht weiter. Die Aggression geht weiter.

Zur selben Zeit wird in der Ukraine eine dramatische Schlacht geschlagen: das Neue gegen das Alte. Diese Schlacht garantiert keinen schnellen Sieg, denn einen solchen Sieg hat es in keinem europäischen Land gegeben.

Russlands Krieg in der Ukraine geht weiter und erschöpft langsam. An jedem einzelnen Tag werden Menschen getötet. Deswegen ist Europas Überdruss der stärkste Verbündete des Aggressors, der mit der Waffe in der Hand die Weltordnung übertritt.

"Der Ukraine müde sein", die russischen Verbrechen ignorieren und zu "business as usual" zurückzukehren, wird mittlerweile wieder als eine anstößg realistische Option betrachtet.

Doch dies ist eine erschreckende Illusion und Selbsttäjuschung. Das Leben in Europa hat sich geändert. Einer der Hauptgründe dafür ist der Versuch ausländischer Aggression, sich in die Werte, den Sinn und den Lebensstil Europas zu injizieren. Kein Versuch, sich im eigenen Heim zu verbergen, wird uns zur vormaligen Behaglichkeit zurückführen. Zu einer Zeit, in der Europa noch versucht, seinen Fixpunkt zu finden, rufen wir, die Repräsentanten verschieder Nationen, die europäischen Politiker und Nationen auf, die intellektuelle und moralische Stärke zu finden, die davor schützt, "der Ukraine müde" zu werden und der Versuchung widersteht, den russischen Aggressor zu verharmlosen.

Diese Krankheit wird nur zu einem Ende führen: dem Überdruss an sich selbst, an seinen eigenen Werten und dem Ideal von Europa schlechthin.

Wir rufen alle denkenden Menschen unserer vereinten europäischen Gemeinschaft auf, Solidarität zu zeigen, und die Stärke zu finden, sich gegen die Bedrohung durch Isolationismus, Fremdenfeindlichkeit und Populismus zu stellen, die Europa zerstückeln werden.

Die einzige Ausrichtung, die Europa von von Irrtum und Feigheit bewahrt, ist die ethische Wahl:  ein Festhalten an den Werten, die die europäische Zivilisation erschaffen haben.

Diese ethische Wahl sollte die Werte der Freiheit in den Blick nehmen, sowie die Herrschaft des Gesetzes über die amoralische "Realpolitik", den Sieg der kollektiven Solidarität über den Isolationismus, die Vision eines geeinten Europa über lokale Interessen und Ambitionen.

"Der Ukraine müde sein" ist eine Metapher. Das beschreibt auch weitere Gebiete Europas, die, trotz ihrer geographischen Nähe, für viele im Westen unbekannt bleiben.

Dabei hängt von diesen Ländern viel ab, vom Verantwortungsbewusstsein und der Effizienz ihrer Führung und der Reife ihrer Gesellschaften.

Doch Europa muß die Anstrengung unternehmen, diese "vergessenen" europäischen Nationen zu entdecken und zu verstehen.

Eine ethische Wahl treffen, meint auch, die Ukraine in die mentale Landkarte Europas einzubinden. Diese Inklusion betrifft auch Georgien, Moldawien und all jene Staaten Osteuropas, deren Anwesenheit in den Grenzen der Europäischen Union ein für alle Mal eine politische und spirituelle Realität werden muß.

 

Europa kann nicht vor sich selbst weglaufen!

 

Und Europa muß mit aller Kraft gegen eine Erschöpfung seines Gewissens und seiner selbst kämpfen.

 

Laßt uns keine Angst vor der Zukunft haben. Lasst uns sie zusammen erschaffen.

 

15. September 2016

Die Unterzeicher*innen:

 

Vytautas Landsbergis, erstes Staatsoberhaupt des wiedererstandenen Litauen, Valdas Adamkus, Präsident der Republik Litauen (1998-2003, 2004-2009), Aleksander Kwasniewski, Präsident der Republik Polen (1995-2005), Algirdas Saudargas, Außenminister der Republik Litauen (1990-1992, 1996-2000), Petras Vaitiekūnas, Außenminister der Republik Litauen (2006-2008), Audronius Azubalis, Außenminister der Republik Litauen (2010-2012), Antanas Valionis, Außenminister der Republik Litauen (2000-2001), Uffe Elleman-Jensen, Außenminister des Königreichs Dänemark (1982-1993), Jüri Luik, Außenminister (1994-1995) und Verteidigungsminister (1999-2002) von Estland, Jon Baldvin Hannibalsson, Außenminister Islands (1988-1995), Karel Schwarzenberg, Außenminister der Tschechischen Republik (2007-2009, 2010-2013), Sir Malcolm Rifkind, Foreign Secretary (1995-1997) and Defence Secretary (1992-1995) of the United Kingdom, Adam Michnik, Gründer und Chefredakteur der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, Adam Rotfeld, Außenminister der Republik Polen (2005), Vyacheslav Briukhovetsky, Ehrenpräsident der nationalen “Kyiv-Mohyla Universität”, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Bohdan Hawrylyshyn, Mitglied des Club of Rome, Gründungsmitglie des World Economic Forum in Davos, Mitglied der "Initiativgruppe 1. De- zember", Lubomyr Kardinal Husar, emeritierter Großerzbischof der Griechisch-Katholischen Kirche der Ukraine, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Ivan Dziuba, ehemaliger Dissident, Literaturkritiker, Mitglied der ukrainischen Akademie der Wissenschaften,  Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Yevhen Zakharov, früherer Dissident, Menschenrechtsaktivist, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Myroslav Marynovych, früherer Dissident, Philosoph, Menschenrechtsaktivist,, Vizerektor der Ukrainischen Katholischen Universität, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Volodymyr Panchenko, Literaturkritiker, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Myroslav Popovych, Philosoph, Direktor des ukrainischen Skovoroda Institut für Philosophie, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Vadim Skurativskij,  Philosoph, Kulturwissenschaftler, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Yuri Shcherbak, Schriftsteller, Außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Ukraine, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Ihor_Yukhnovskyi erster Leiter der Demokratischen Volks-Rada, des Parlaments der Ukraine (1990 - 1994), Wissenschaftler, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Mitglied der "Initiativgruppe 1. Dezember", Ivan Vasyunyk, Vizepremier der Ukraine (2007-2010), Leiter der der "Initiativgruppe 1. Dezember", Danylo Lubkivsky,stellvertretender Außenminister (2014), Volodymyr Viatrovych, Historiker, Leiter des Ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung, Josyf Zisels, ehemaliger Dissident, Vorsitzender der Assoziation der jüdischen Organisationen und Gemeinden in der Ukraine, Volodymyr Ohryzko, Außenminister der Ukraine (2007-2009), Yuriy Makarov, Journalist, Schriftsteller, Olena Styazhkina, Historikerin, Autorin, Mitglied des ukrainischen PEN-Zentrums, Oksana Zabuzhko, Schriftstellerin, Audrius Siaurusevicius, Generaldirektor des litauischen Radios und Fernsehens, Ramūnas Bogdanas, früherer Berater von Vytautas Landsbergis in dessen Zeit als litauisches Staatsoberhaupt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Markus Meckel (Donnerstag, 29 September 2016 13:24)

    Ein bewegender und wichtiger Brief, da er die Herausforderung klar beschreibt und Zusammenhänge deutlich macht! Er sollte Verbreitung finden.
    Schade nur, dass kein Deutscher angesprochen wurde, sich zu beteiligen. Auch in Westeuropa gibt es und braucht es Verbündete, um für diese differenzierte Haltung zu werben. Man sollte sie einbeziehen.