"Die Schlacht um Sewastopol"

Letztes Jahr, bei unserem Besuch in den Filmstudios von Odessa wurden wir auf einen besonderen Film aufmerksam gemacht, einen Film mit Teilen aus dem Leben der besten Scharfschützin aller Zeiten und ihrer Freundschaft zur damaligen First Lady der USA, Eleanor Roosevelt: Ljudmilla Michailowna Pawlitschenko. Der Film, noch mit der Regierung Janukowitsch vereinbart, mit russischem und ukrainischem Geld finanziert, mit einer russischen Hauptdarstellerin und einem ukrainischen Regisseur auf der damals noch unangefochten ukrainischen Krim gedreht, wurde 2012 begonnen, 2014 fertiggestellt und 2015, besonders in Russland zum Blockbuster und kontrovers diskutiert.

Obwohl der auf der Krim gedrehte Film vordergründig nichts mit der Krim-Annexion zu tun hat, wird man ihn nicht ansehen können, ohne daß sich die Ereignisse von 2014 mit in die Betrachtung schieben.

Bildnachweis: morpolit.milportal.ru

Die Vorgeschichte

Vor ziemlich genau vor einem Jahr war ich in der Ukraine, wo wir auch die Filmstudios von Odessa besucht haben. Dort hat man uns recht begeistert von diesem Film erzählt. Man freue sich, daß diese ukrainisch-russische Gemeinschaftsproduktion trotz des Krieges fertig geworden sei und erhoffe sich, als politisches Zeichen, mehrere Oscars.

Russifizierung

Zur Zeit wird schon fleißig versucht, die Ukrainerin Pawlitschenko zu "russifizieren", getreu nach der Regel, daß schon sehr oft Ukrainer, die es in Russland zu Ruhm gebracht hatten, ganz einfach für Russland vereinnahmt wurden, wie immerhin drei Generalsekretäre der KPdSU: Chruschtschow, Breschnew und Tschernenko. Fielen sie in Ungnade, wie jetzt aktuell Chruschtschow, der angeblich aus einer Laune heraus, man spricht auch von "in der Sauna, im Suff" die Krim nach dem Krieg "verschenkt" haben soll, jetzt wieder als Ukrainer bezeichnet wird. 7 Millionen Ukrainer*innen kämpften in den Reihen der Roten Armee, viele von ihnen starben, viele wurden zu Held*innen. Hätte man Pawlitschenko, Koschedub (Flieger, dreifacher Held der Sowjetunion), Petschjorskij (Führer des Aufstandes von Sobibor) oder Schapiro (öffnete mit anderen Ukrainern das Tor von Auschwitz) gefragt, ob sie sich denn als Ukrainer verstünden, hätten sie alle mit Sicherheit verständnislos den Kopf geschüttelt, und geantwortet, daß völkisches Denken in der Sowjetunion, deren Bürger sie seien, überwunden sei. Noch vor zwanzig Jahren hätte es auch keinen Historiker interessiert. Heute macht Russland die Frage nach der ethnischen Herkunft wieder wichtig und versucht, diese Helden noch posthum zu russifizieren. Dazu passt für mich auch, daß die Ukrainerin Pawlitschenko von einer russischen Schauspielerin verkörpert wird, die das Wohlwollen des Präsidenten genießt. Wohlweislich hat man Putin für das illustriertende Foto bei Wikipedia, abgeschnitten. Der gemeinsamen Erinnerung, die in allen ehemaligen Sowjetrepubliken bis heute identitätsprägend ist, tut man damit keinen Gefallen.

Das Hochjubeln der Russen als Führungsvolk der Sowjetunion begann allerdings, wie der Historiker Norman Naimark mit belastbaren Belegen ausführt, schon 1937. (Quelle: "Flammender Hass, Ethnische Säuberungen oim 20. Jahrhundert", bpb-Ausgabe, S114), und gipfelte in Stalins berüchtigtem Trinkspruch auf einem Festbankett für die Truppenführer der Roten Armee am 24. Mai 1945 im Kreml:

"Genossen, erlauben Sie mir, noch einen, den letzten Trinkspruch auszubringen.

Ich möchte einen Trinkspruch auf das Wohl unseres Sowjetvolkes, und vor allem auf das des russischen Volkes ausbringen. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall, Hurrarufe.)

Ich trinke vor allem auf das Wohl des russischen Volkes, weil es die hervorragendste Nation unter allen zur Sowjetunion gehörenden Nationen ist.

Ich bringe einen Trinkspruch auf das Wohl des russischen Volkes aus, weil es sich in diesem Kriege die allgemeine Anerkennung als die führende Kraft der Sowjetunion unter allen Völkern unseres Landes verdient hat.

Ich bringe einen Trinkspruch auf das Wohl des russischen Volkes aus, nicht nur weil es das führende Volk ist, sondern auch weil es einen klaren Verstand, einen standhaften Charakter und Geduld besitzt."

Wie Naimark schreibt, hätten die Deportationen ebenfalls 1937 begonnen: Deutsche, Polen und Karelier seien aus dem Westen nach Zentralasien deportiert worden, Koreaner und Chinesen aus der Pazifikregion vertrieben. Mit all dem führte Neigungsrusse Stalin übrigens nur eine Tradition aus dem Zarenreich weiter: 1915 erfolgte die erste großangelegte Deportationswelle von Deutschen aus dem Westen des Reiches ins Altai-Gebirge.

Bildnachweis: kremlin.ru: Präsident Putin mit der Gewinnerin 2012 des Präsidentenpreises für junge Kulturschaffende, Julia Peresild.

 

Sie war Ukrainerin!

Die hiesigen Putin-Bauchredner*innen haben es schon geschafft, Pawlitschenko als "ethnische Russin" darzustellen und aus ihr eine "geborene Belowa (Weiß)" zu machen, so die deutsch- und englischsprachige Wikipedia. Weder im Film, noch in anderen, insbesondere russischen Quellen ist diese steile These wiederzufinden.Hier scheint man sich ganz einfach am Namen ihres Geburtsorts, Bila Zerkwa/Belaja Zerkow (Weiße Kirche) bedient zu haben. Nein, dafür, daß sie Belowa geheißen habe, gibt es keinen Beleg, und wenn man es völkisch will:

Sie war Ukrainerin!

 

Der Film

Denjenigen, der der deutschen Version "Red Sniper - die Todesschützin" verpasst  hat, sollte man federn und teeren...

Im Original heißt der Film entweder: "(ukr)  "Незламна" - unzerstörbar, oder (russ): Битва за Севастополь", Schlacht um Sewastopol. Da die Darstellung dieser Schlacht, nur einen Teil der gesamten Filmerzählung ausmacht, macht man sich schon so seine Gedanken, welchem Umstand dieser Titel wohl geschuldet sein mag.

Einem der Vor-Rezensenten ist der schöne Vergleich eingefallen, der Film sei wie eine Matrjoschka, eine dieser berühmten Russischen Puppe-in-der-Puppe Puppen, da sich aus einer Rahmenhandlung stets weitere Handlungen ergäben.

 

Den äussersten Rahmen, die äusserste Matrjoschka, bildet der Besuch der Präsidentenwitwe Eleanor Roosevelt 1957 in Moskau. Sie soll unmittelbar zu Chruschtsow gefahren werden, doch sie besteht darauf,zunächst Pawlitschenko zu besuchen...

Bildnachweis: russisches Plakat des Films

Die nächste Matrjoschka zeigt das Verhältnis von Ljudmilla zu ihren Eltern, besonders zu ihrem Vater, für sie persönlichkeitsbildend: sie besteht 1937 als bester Bewerber die Aufnahmeprüfung zum Geschichtsstudium an der Universität in Kiew. Zuhause angekommen, will sie feiern, doch der Vater zeigt ihr deutlich, daß er ihren Erfolg für eine Selbsverständlichkeit hält.

Eine im Kontext jener Zeit zunächst harmlos gemeinte Nachmittagsunterhaltung wird ihr zum Schicksal: sie geht mit zwei Freundinnen und drei Freunden in einen Unterhaltungspark, in dem es auch eine Schießbahn gibt. Die drei Jungs  wollen unter sich einen Schießwettbewerb veranstalten und haben den drei Mädchen die Rolle des bewundernden Damenflors zugedacht. Doch Ljudmilla will - zur Erheiterung der Herren - auch schießen, und ... gewinnt letztendlich den Wettbewerb mit 47 von 50 Punkten. Ganz so harmlos war das Vergnügen dann doch nicht: sie wird aus dem Studium zu einem Lehrgang für Präzisionsschützen delegiert.

1941 geht sie zur Fortsetzung ihres Studiums nach Odessa. Am 22.6. ist sie zufällig bei ihrem jüdischen Verehrer Boris, "Borja", Tschopak zum Essen eingeladen, dessen "Mame" versucht, sie als Schwiegertochter zu gewinnen, als die Nachricht über den begonnenen deutschen Überfall durchs Radio verkündet wird. Abends schauen sie gemeinsam "La Traviata".

Sie fühlt, sie muss in den Krieg und meldet sich, wie viele Frauen zu Beginn des Krieges, freiwillig.  Die Ausbildung, bereits an einer Scharfschützenschule, wird hart, auch mental: die weiblichen Rekruten müssen alle "weiblichen" Besitztümer verbrennen.

Sie wird, wie alle, zunächst mit der Scharfschützenversion des berühmten, von 1891 bis 1965 in den russischen/sowjetischen Streitkräften eingesetzten Mosin-Nagant-Repetiergewehrs ausgerüstet.

Die Rote Armee wollte zunächst keine Frauen, die sich bis dato nur freiwillig melden konnten,  in den Kampftruppen einsetzen, wurde jedoch durch die hohen Verluste zu Anfang des Krieges dazu gezwungen, Frauen einzusetzen und später, genau wie die Männer zwangsweise einzuziehen. Sie wird, nur unzureichend ausgebildet, an die Front geschickt, wo sie zum ersten Mal auffällt. Zur Belohnung erhält sie ein, damals völlig neues, modernes Tokarew-Gewehr.

 

Da die Rote Armee in der Folgezeit vermehrt auf weibliche Scharfschützen - und andere weibliche Soldaten - setzt, hat der deutsche Gegner auch bald einen Namen für sie: "Flintenweiber", ein Begriff voller Angst und Verachtung. An einigen Frontabschnitten wurde der Befehl erlassen, sie nicht gefangenzunehmen: "Stets zu erschießen sind die Frauen, die in der Roten Armee dienen."Oder der SD kümmerte sich um sie, was sie im Regelfall auch nicht überlebten. Falls doch, und sie überlebten die Gefangenschaft, war ihr Schicksal auch nicht besser: bei der Befreiung durch die Rote Armee wurden sie oft von den eigenen Kameraden vergewaltigt, schafften sie die Rückkehr in die Heimat, so fielen sie unter den verbrecherischen Befehl 270. Das bedeutete nach dem Krieg als Mindestes: keine Lebensmittelzuteilung, keine Arbeit/Ausbildung, keine Parteimitgliedschaft.

Als Kämpferin gelangt sie sehr bald zu Ruhm und propagandistischem Wert, sodaß sie - gegen ihren erklärten Willen - nach vier Verwundungen und zwei schweren Psychotraumata zweimal "nicht frontverwendungsfähig" geschrieben wird. Die Entscheidung über ihre Fronttauglichkiet hat jedesmal ihr Schutzengel Boris, den sie als Ihren zuständigen Truppenarzt wiedertrifft, sie liebt, aber sich zurücknimmt, da sie während dieser Zeit mehrfach versucht, eine Liebesbeziehung einzugehen, die immer durch den Tod an der Front beendet wird. 1942 wird sie, nachdem Sewastopol, die "zweifache Heldenstadt" zunächst in deutsche Hand gefallen ist, auf die Krim evakuiert.


"Ich bin 25 Jahre alt und habe bis jetzt

309 faschistische Okkupanten getötet.

Meine Herren, denken Sie nicht,

Sie haben sich schon zu lange

hinter meinem Rücken versteckt"?


Bildnachweis: li: Library of Congress, vlnr: Robert Jackson, Pawlitschenko, Roosevelt, Re: screenshot. "Wieviele Menschen haben Sie getötet? - Keine Menschen... Faschisten ... 309."

1942 wird sie, wie z.B. auch das Jüdische Antifaschistische Komitee, in die USA geschickt, um für den Aufbau der so bitter benötigten Zweiten Front gegen Hitler zu werben, mit deren Errichtung die Westalliierten aus guten Gründen zögerlich waren. Sie, in der US-Presse "Lady Death" genannt, scheint dort wirklich wie ein Rockstar empfangen worden zu sein. So widmet der linke Liedermacher Woody Guthrie ihr ein populäres Lied´, und sie hält viele Reden - aus einer stammt der oben zitierte Satz mit dem Rücken. Sie wird von First Lady Eleanor Roosevelt ins Weiße Haus eingeladen und beide werden Freundinnen. Der Besuch von Roosevelt in Pawlitschenkos damaliger Moskauer Zweizimmerwohnung ist belegt.

Bildnachweis: www.schlaudi.de

Der gemeinsame Sieg im Zweiten Weltkrieg gehört noch zum gemeinsamen Erbe aller ehemaligen Sowjetrepubliken - noch. Denn diese Gemeinsamkeit wurde am Vorabend des "Tag des Sieges" 2014 von russischer Seite aufgekündigt. An der Kreml-Mauer sind Stelen für die 12 Heldenstädte, die traditionsgemäß am 9. Mai geschmückt werden (das Bild oben mit den Stelen von Leningrad und Kiewm ist nicht am 9. Mai entstanden).

Am 9. Mai 2014 tauchten im Internet dann Bilder auf, die zeigten, daß offiziell alle Stelen gechmückt waren, nur die Stele von Kyiv nicht. Später zeigten Bilder die Kyiv-Stele doch im Blumenschmuck: Moskauer Bürger*innen, denen die gemeinsame Erinnerung doch noch etwas bedeutet, hatten sie nicht nur mit Blumen, sondern auch mir den ukrainischen Farben geschmückt. Doch das "Zusammen" mit der Ukraine war am Tag zuvor bereits von allerhöchster Stelle aufgekündigt worden. Das eingebettete Video dokumentiert den Skandal: während man in der Ukraine noch hoffte,daß Gemeinsamkeiten honoriert würden, war diese Gemeinsamkeit von Putin bereits offiziell aufgekündigt worden.

 

Ich bin sicher, Ludmilla Pawlitschenko hätte das nicht verstanden.

Nachtrag: und wieder hofft man in Russland auf einen Oscar: für ein Kriegsdrama aus - natürlich - dem Zweiten Weltkrieg, eine deutsch-russische Co-Produktion. Dafür braucht man dann in der Tat keine Ukrainer...

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Kommentare: 3
  • #1

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