Ildar Dadin: Folter und Morddrohungen an der Tagesordnung

Der russische Aktivist Ildar Dadin war der erste Bürger Russlands, der unter dem Artikel 212.1 des russischen Strafgesetzbuchs verurteilt wurde. Dieser Artikel bedroht jeden mit Strafe, der "durch das Organisieren von Demonstrationen oder Zusammenkünften die etablierte Ordnung verletzt".

Dadin verbüßt zur Zeit eine von drei auf zweieinhalb Jahre reduzierte Haftstrafe in einer Strafkolonie in Serescha/Karelien.

Das Urteil hat bereits von Anfang an internationale Aufmerksamkeit erregt, viele Unterstützer sowie z.B.  Amnesty International, setzen sich für Dadin, der immer nur friedlich protestiert hat, ein. Mittlerweile berichten auch internationale Medien über den Brief.

Jetzt wurde ein erschütternder Brief von Dadin an seine Frau, Anastasia (Nastya) Zotowa  bekannt, in dem er seine, für uns im "Westen" kaum vorstellbaren Haftbedingungen schildert und um Verbreitung des Texts bittet. Wir kommen dieser Bitte gerne nach, haben deswegen den Brief ins Deutsche übersetzt und bitten auch unsererseits um Verbreitung.

Quelle russisch: Meduza.io, Quelle englisch: xsovietunion.blogspot

Bildnachweis: Alexander Baroshin.

 

Hier ist der Brief,  aufgeschrieben von Dadins Anwalt, Alexej Liptser

Nastya! Wenn Du Dich entscheidest, die Information über das, was mir geschieht, zu veröffentlichen, bemüh Dich, sie so weit wie möglich zu verbreitetn. Das wird die Chance erhöhen, daß ich am Leben bleibe. Du weißt, daß in der IK-7-Strafkolonie eine komplette Mafia operiert, an der das gesamte Personal der Strafkolonie IK-7 beteiligt ist. der Lagerkommandant, Major der Polizei Sergej Leonidowitsch Kossiew, und die absolute Mehrhait des Personals, einschließlich der Ärzte.

Im Moment meines Eintreffens in der Kolonie am 10.September 2016 hat man mir nahezu alle meine Habe weggenommen und in der verbleibenden zwei Rasierklingen gepflanzt, die dann bei einer Durchsuchung gefunden wurden. Das ist eine weitverbreitete Praxis, mit der man sicherstellt, daß der Neuankömmling in die Strafzelle kommt, damit er sofort versteht. in welche Hölle er jetzt geraten ist. Sie steckten mich ohne jegliche Weisung in die Strafzelle und nahmen mir all meine Sachen ab, einschließlich Seife, Zahnbürste, Zahnpaste und sogar das Toilettenpapier. Ich kündigte als Reaktion auf diese illegalen Aktionen einen Hungerstreik an.

Bildnachweis: das Bild stammt von der Internetseite des Gefängnisses und zeigt Lagerkommandant Kossiew.

Am 11. September kam der Lagerkommandant, Kossiew, mit drei Untergebenen zu mir. Gemeinsam fingn sie an, mich zu schlagen. Insgesamt wurde ich an diesem Tag viermal geschlagen, sie schlugen mich an jenem Tag  mit 10-12 Leuten gleichzeitig.Nach der dritten Serie Schläge zwangen sie, in dieser Strafzelle, meinen Kopf in die Toilettenschüssel.

Am 12. September legten mir mehrere Schließer Handschellen an und fesseltenj so meine Hände hinter dem Rücken. Dann hängten sie mich an den Handschellen auf. In dieser Weise aufgehängt zu werden, verursacht fürchterliche Schmerzen in den Handgelenken, verdreht  die Ellenbogen und macht entsetzliche Rückenschmerzen. So blieb ich eine halbe Stunde aufgehängt.

Sie zogen mir die Unterwäsche aus und sagten, sie würden einen anderen Gefangenen in meine Zelle bringen, der mich so lange vergewaltigt, bis ich mit dem Hungerstreik aufhöre.

Danach wurde ich in Kossiews Büro gebracht. Dort sagte er mir, in der Gegenwart eines weiteren Belegschaftsmitglieds:

 

"Du bist erst sehr wenig geschlagen worden. Wenn ich den Befehl gebe, wirst Du wesentlich schlimmer geprügelt werden. Und wenn Du versuchst, Dich zu beschweren, werden sie Dich umbringen und unterm Lagerzaun verbuddeln."

 

Seitdem prügeln sie mich regelmäßig, mehrere Male am Tag. Regelmässige Schläge, Schikanen, Erniedrigungen, Beleidigungen und Intolerable Haftbedingungen - anderen Gefangenen geht es genauso.

Alle folgenden Strafen basieren auf dreisten Lügen. Alle Videos, in denen mir "die Bestrafung verkündet" wird, wurden inszeniert: bevor sie das filmten, wurde mir genau gesagt, was ich zu tun und zu lassen habe - nicht zu diskutieren, nicht zu protestieren, auf den Boden zu gucken, [etc.].

Andernfalls, so sagten sie mir, würden sie mich umbringen und niemand würde das erfahren, weil niemand weiß, wo ich bin. Ich kann keine Briefe schicken, ohne daß die zuerst durch die Lagerleitung gegangen sind, und die hat mir damit gedroht, mich umzubringen, wenn ich Beschwerden aufschreibe.

 

Nastya, in meinem ersten Brief aus der Strafkolonie Nr 7 habe ich Dir etwas über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geschrieben. Damit wollte ich die Zensur umgehen und einen zarten Hinweis geben, daß es mir nicht gut geht un daß ich Hilfe brauche.

 (Anmerkung vonAnastasia Zotowa: Ich habe von Ildar nicht einen einzigen Brief von Ildar aus dem Gefängnis bekommen).

Ich bitte Dich, diesen Brief zu veröffentlichen, denn an diesem Ort gibt es eine "Informationsblockade" und ich sehe keine andere Möglichkeit, sie zu durchbrechen.

Ich bitte Dich nicht darum, mich hier herauszuholen, oder in ein anderes Gefängnis verlegen zu lassen.

Ich habe wiederholt gehört und gesehen, wie auch andere Gefangene geschlagen wurden. Deswegen wird mein Bewusstsein mir nicht erlauben, von hier wergzulaufen.

Ich werde kämpfen um anderen zu helfen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Vor allem habe ich Angst, daß ich der Folter nicht widerstehen kann und klein beigebe.

Wenn das Anti-Folter-Komitee (eine russische Menschenrechts-NGO) noch nicht zerstört worden ist, bitte ich um deren Unterstützung, um mein Leben und meine Sicherheit und diejenige der anderen Gefangenen in Russland zu garantieren. Ich bitte Dich, öffentlich zu machen, daß Major Kossiew mich unmittelbar mit dem Tod bedroht hat, sollte ich mich öffentlich darüber beklagen, was passiert. Ich würde mich freuen, wenn Du einen Anwalt finden würdest, der bereit ist, hier in Segescha meine Rechtsvertretung zu übernehmen.

Die Zeit arbeitet gegen mich. Die Überwachungsvideos wären in der Lage, Folter und Schläe zu belegen, doch es wird immer unwahrscheinlicher, daß sie unbeschädigt bleiben. Wenn ich nochmals Folter, Schlägen und Vergewaltigung unterworfen werde, ist es unwahrscheinlich, daß ich das länger als eine Woche überstehen kann.Im Falle meines plötzlichen Todes wird man Dir erzählen, daß ich Selbstmord begangen hätte, einen Unfall hatte, oder im Kampf mit einem anderen Gefangenen umgekommen sei - doch das wäre eine Lüge. Mein Mord wäre im Voraus geplant gewesen um einen Zeugen Opfer der Folter zu beseitigen.

 

Ich liebe Dich und ich hoffe, Dich eines Tages wiederzusehen.

Dein Ildar

 

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